Der Salbei der Mazateken
Unter den rund 900 Salbeiarten ist eine einzige weltweit bekannt geworden, und das nicht wegen ihres Geschmacks. Salvia divinorum, auf Deutsch Zaubersalbei, Wahrsagesalbei oder Azteken-Salbei, stammt aus einer kleinen Bergregion in Mexiko und hat eine Geschichte, die erst im 20. Jahrhundert von außen entdeckt wurde. Hier steht, was über die Pflanze, ihre Herkunft und ihren Inhaltsstoff bekannt ist.

Die Pflanze
Salvia divinorum gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae), wie Küchensalbei, Minze und Rosmarin. Sie wächst als Staude mit hohlen, vierkantigen Stängeln und großen, hellgrünen, leicht behaarten Blättern und wird ein bis zwei Meter hoch. Die Blüten sind weiß mit violettem Kelch, erscheinen aber selten.
Ihre Heimat ist die Sierra Mazateca im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Dort wächst sie in feuchten, schattigen Bergschluchten, meist in der Nähe von Bächen. Wildbestände sind kaum bekannt. Fast alle Pflanzen stehen in Gärten und Pflanzungen der Mazateken, die den Salbei seit Generationen vegetativ weitergeben.
Eine botanische Besonderheit: Salvia divinorum bildet kaum keimfähige Samen. Vermehrt wird sie fast ausschließlich über Stecklinge. Die meisten Pflanzen in europäischen Sammlungen gehen auf wenige Klone zurück, die im 20. Jahrhundert aus Mexiko mitgebracht wurden. Der bekannteste ist der sogenannte Wasson-Hofmann-Klon.

Namen und Herkunft
Die Mazateken nennen die Pflanze Ska María Pastora, „Kraut der Maria, der Hirtin“, oder einfach hojas de la pastora, „Blätter der Hirtin“. Die Namen verbinden die Pflanze mit der Jungfrau Maria und zeigen, wie sich vorchristliche und katholische Vorstellungen in der Region vermischt haben. Der wissenschaftliche Name divinorum bedeutet „der Wahrsager“ oder „der Seher“.
Oft wird behauptet, schon die Azteken hätten die Pflanze gekannt, daher der Name Azteken-Salbei. Belegt ist das nicht. Die Gleichsetzung mit einer aztekischen Pflanze namens pipiltzintzintli ist eine Hypothese aus dem 20. Jahrhundert, keine gesicherte Überlieferung.

Die Entdeckung durch die Wissenschaft
In Europa und den USA wurde Salvia divinorum erst spät bekannt. In den 1930er- und 1940er-Jahren erwähnten Ethnologen eine „Wahrsagepflanze“ der Mazateken. 1962 reisten der Ethnomykologe R. Gordon Wasson und der Chemiker Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, in die Sierra Mazateca und brachten Pflanzenmaterial mit. Daraufhin wurde die Art botanisch beschrieben und nach ihrer rituellen Verwendung benannt.
Traditionelle Verwendung
Bei den Mazateken war der Salbei Teil von Heilzeremonien. Ein Heiler oder eine Heilerin, bei den Mazateken curandero oder curandera genannt, nutzte die Blätter, um in einem veränderten Bewusstseinszustand die Ursache einer Krankheit oder den Verbleib verlorener Dinge zu erkunden. Die Zeremonien fanden nachts statt, in Stille und Dunkelheit, begleitet von Gebeten. Die frischen Blätter wurden gekaut oder zu einem Aufguss verarbeitet.
In der mazatekischen Tradition galt der Salbei als „kleinere“ Pflanze neben den heiligen Pilzen. Er wurde auch in der Ausbildung angehender Heiler verwendet. Diese Praxis war fest eingebettet in Kultur, Religion und Anleitung durch Erfahrene. Mit dem heutigen Freizeitgebrauch hat sie wenig zu tun.
Der Inhaltsstoff: Salvinorin A
Salvia divinorum unterscheidet sich chemisch deutlich von anderen psychoaktiven Pflanzen. Ihr Hauptwirkstoff, Salvinorin A, wurde 1982 isoliert. Anders als fast alle bekannten Halluzinogene ist es kein Alkaloid und enthält keinen Stickstoff. Es ist ein sogenanntes Diterpen.
Salvinorin A wirkt vor allem am Kappa-Opioidrezeptor, einer anderen Stelle im Nervensystem als klassische Halluzinogene wie Psilocybin oder LSD, die über Serotoninrezeptoren wirken. Es gilt als eines der stärksten natürlich vorkommenden psychoaktiven Moleküle, schon kleinste Mengen im Mikrogrammbereich reichen für eine Wirkung aus. Wegen dieses Wirkmechanismus beschäftigt sich die pharmakologische Forschung mit Salvinorin A. Aussagen über einen therapeutischen Nutzen lassen sich daraus derzeit nicht ableiten.

Wirkung und Risiken
Salvia divinorum ist eine stark bewusstseinsverändernde Pflanze. In Berichten wird die Wirkung als kurz, aber sehr intensiv beschrieben: veränderte Wahrnehmung von Raum, Zeit und Körper, bis hin zum völligen Verlust des Bezugs zur Umgebung. Viele Konsumierende empfinden das nicht als angenehm.
Die bekannten Risiken ergeben sich vor allem aus diesem Kontrollverlust: Stürze, Verletzungen und Unfälle, weil Betroffene ihre Umgebung nicht mehr einschätzen können. Dazu kommen Angst und Panikreaktionen. Für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen gilt die Substanz als besonders riskant. Ein körperliches Abhängigkeitspotenzial wird als gering eingeschätzt, Langzeitfolgen sind jedoch kaum untersucht. Die Kombination mit Alkohol oder anderen Substanzen erhöht die Risiken.
Konzentrierte Extrakte, die im Handel früher oft als „10x“ oder „20x“ angeboten wurden, verstärken diese Effekte zusätzlich. Mit dem Blattmaterial der mazatekischen Tradition haben sie wenig gemein.

Rechtslage
Die Rechtslage ist von Land zu Land verschieden und ändert sich immer wieder.
In Deutschland ist Salvia divinorum seit 2008 im Betäubungsmittelgesetz (Anlage I) gelistet. Besitz, Handel, Anbau und Einfuhr sind verboten, das gilt auch für die lebende Pflanze.
In Österreich ist die Pflanze nicht im Suchtmittelgesetz erfasst. Pflanzen und Blätter werden hier legal gehandelt, Salvinorin A unterliegt aber Einschränkungen, und die Rechtslage kann sich ändern. Wer die Pflanze aus Österreich in andere Länder mitnimmt, muss dort geltendes Recht beachten.
Auch in der Schweiz, in mehreren anderen EU-Ländern und in vielen US-Bundesstaaten ist Salvia divinorum verboten oder eingeschränkt.
Den Zaubersalbei kultivieren
Als Zimmer- oder Gewächshauspflanze ist Salvia divinorum anspruchsvoll, aber machbar. Sie braucht Halbschatten, hohe Luftfeuchtigkeit, gleichmäßig feuchte, lockere Erde und Temperaturen zwischen etwa 15 und 25 Grad. Direkte Mittagssonne, trockene Heizungsluft und Frost verträgt sie nicht. Weil Samen kaum keimen, beginnt man mit einem bewurzelten Steckling. Stecklinge bewurzeln sich gut in einem Glas Wasser oder in feuchter Erde unter einer Haube.
Fazit
Salvia divinorum ist ein Salbei mit ungewöhnlicher Geschichte: eine Pflanze, die fast nur in den Gärten eines einzigen Volkes überlebt hat, erst 1962 wissenschaftlich beschrieben wurde und einen chemisch einzigartigen Wirkstoff enthält. Wer sich mit ihr beschäftigt, sollte ihre kulturelle Herkunft kennen, ihre Risiken ernst nehmen und die Rechtslage im eigenen Land prüfen.
Salvia divinorum ist bei uns im Laden in Wien als Pflanze oder als Kraut erhältlich :)