Die Alraune

Mandragora officinarum

Keine europäische Pflanze hat so viele Geschichten hervorgebracht wie die Alraune. Sie schreit, wenn man sie aus der Erde zieht. Sie wächst unter Galgen. Sie bringt Reichtum, wenn man sie richtig behandelt, und Unglück, wenn nicht. Über Jahrhunderte wurde ihre Wurzel für viel Geld gehandelt, gefälscht, in Truhen aufbewahrt und vererbt.

Dahinter steht ein unscheinbares Nachtschattengewächs aus dem Mittelmeerraum, das die meiste Zeit des Jahres als Blattrosette flach am Boden liegt.

altes bild einer alraune

Wissenschaftlicher Name

Mandragora officinarum L.

Familie

Nachtschattengewächse (Solanaceae)

Verwandtschaft

Tollkirsche, Bilsenkraut, Stechapfel — und Tomate, Kartoffel, Paprika

Herkunft

Mittelmeerraum, Südeuropa bis Vorderasien

Wuchsform

Bodenständige Blattrosette, rübenartige Pfahlwurzel

Blütezeit

Je nach Art Herbst oder Frühjahr

Frucht

Gelbe bis orange Beere, apfelartiger Duft

Die Pflanze hinter dem Mythos

Die Alraune bildet keine Stängel. Ihre Blätter — bis zu vierzig Zentimeter lang, gewellt und etwas runzlig — liegen als Rosette direkt auf dem Boden. Aus deren Mitte erscheinen glockenförmige Blüten in blassem Violett, Grünlich oder Weiß, je nach Art im Herbst oder im zeitigen Frühjahr.

Das eigentlich Bemerkenswerte liegt unter der Erde. Die Pfahlwurzel wird fleischig, kann über einen halben Meter tief reichen und gabelt sich häufig in zwei oder mehr Stränge. Diese Verzweigung ist der ganze Ursprung des Mythos: Eine gegabelte Wurzel mit Ansätzen von „Armen" und „Beinen" erinnert an eine menschliche Gestalt — und im Volksglauben wurde daraus eine.

Botanisch gehört die Alraune zu den Nachtschattengewächsen und damit in eine Familie mit Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel. Alle enthalten Tropanalkaloide, alle spielen in der europäischen Pflanzengeschichte eine Rolle. Dieselbe Familie liefert allerdings auch Tomate, Kartoffel und Paprika — ein gutes Beispiel dafür, wie wenig botanische Verwandtschaft über eine Pflanze aussagt.

zwei tolle alraune wurzeln

Die schreiende Wurzel

Die berühmteste Geschichte: Wer eine Alraune ausgräbt, hört sie schreien, und der Schrei tötet. Die überlieferte Lösung — bereits bei Autoren des Altertums beschrieben und im Mittelalter reich ausgeschmückt — bestand darin, einen Hund an die Wurzel zu binden. Das Tier zieht die Pflanze heraus, der Sammler hält sich in sicherer Entfernung die Ohren zu.

Diese Anweisung findet sich über Jahrhunderte in Kräuterbüchern, oft mit Illustrationen. Ob sie je jemand befolgt hat, ist eine andere Frage: Solche Beschreibungen wurden von Autor zu Autor abgeschrieben, und ein derart aufwendiges Verfahren erhöhte vor allem den Wert der Ware.

Denn die Alraune war ein Handelsgut. Getrocknete, menschenähnlich gewachsene Wurzeln — sogenannte Alraunmännchen — wurden teuer verkauft, in Tücher gehüllt aufbewahrt und als Familienbesitz weitergegeben. Der Nachfrage folgte prompt der Betrug: Da echte, ansehnlich gewachsene Wurzeln selten sind, schnitzte man Ersatz aus Zaunrübe, Weißwurz oder Enzian zurecht. Manche Fälscher steckten Getreidekörner in die Wurzel, damit die keimenden Halme wie Haare aussahen.

Der Handel war so verbreitet, dass Obrigkeiten sich damit befassten. Es gab Verbote, Prozesse und Beschlagnahmungen — und der Besitz einer Alraune konnte in Hexenprozessen als Beweisstück auftauchen.

Von der Bibel bis Harry Potter

Die Alraune zieht sich durch die europäische Literatur wie kaum eine zweite Pflanze.

Im Alten Testament erscheint sie im Buch Genesis, wo Rahel und Lea um „Dudaim" streiten — meist als Alraune übersetzt und mit Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht.

In der Antike beschreiben Theophrast, Dioskurides und Plinius die Pflanze ausführlich, teils medizinisch, teils bereits mit den Sammelritualen.

Im Mittelalter taucht sie in nahezu jedem Kräuterbuch auf, oft mit Abbildungen menschengestaltiger Wurzeln.

Shakespeare erwähnt sie mehrfach — in Romeo und Julia spricht Julia von „Schreien wie Alraunen, aus der Erde gerissen".

Machiavelli schrieb 1518 eine Komödie mit dem Titel La Mandragola, in der die Pflanze als vermeintliches Fruchtbarkeitsmittel den Handlungsmotor liefert.

Und in Harry Potter landen Mandragoras im Gewächshaus von Hogwarts, wo Zweitklässler sie mit Ohrenschützern umtopfen. J. K. Rowling greift damit eine Überlieferung auf, die zu diesem Zeitpunkt bereits zweitausend Jahre alt war — dass viele Leser die Pflanze überhaupt kennen, liegt heute an dieser Szene.

mythen über die alraune

Anzucht: Geduld ist die Hauptzutat

Die Alraune gilt als schwierig, ist aber eher langsam als heikel. Wer die Bedingungen ihres Ursprungsgebiets nachbaut, kommt gut zurecht.

Die Samen brauchen eine Kältephase. Üblich ist eine Stratifikation: Aussaat in feuchtes Substrat, dann mehrere Wochen bei Kühlschranktemperatur, anschließend hell und mäßig warm aufstellen. Ohne diesen Kältereiz keimen sie unzuverlässig. Geduld gehört dazu — die Keimung kann Wochen bis Monate dauern, und ungleichmäßiges Auflaufen ist normal.

Der Standort darf sonnig bis halbschattig sein. Wichtiger als Licht ist der Boden: tiefgründig, durchlässig, eher mager und kalkhaltig. Staunässe verträgt die Pfahlwurzel nicht — bei Topfkultur also ein hohes Gefäß mit guter Drainage, kein flacher Untersetzer.

Im Sommer zieht die Pflanze oft ein und wirkt tot. Das ist ihr normaler Rhythmus: Sie stammt aus einem Klima mit trockenen Sommern und überdauert diese Zeit unterirdisch. Wer in dieser Phase kräftig gießt, riskiert Fäulnis. Im Herbst treibt sie neu aus.

Winterhärte hängt von Art und Standort ab. Im Mittelmeerraum steht sie im Freien; in mitteleuropäischen Wintern ist ein geschützter Platz oder Topfkultur mit frostfreier Überwinterung sicherer.

Umpflanzen mag sie nicht — die Pfahlwurzel nimmt es übel. Besser gleich den endgültigen Platz wählen.

 

Ein Nachtschattengewächs bleibt ein Nachtschattengewächs

Alle Pflanzenteile der Alraune enthalten Tropanalkaloide, wie bei ihren Verwandten Tollkirsche und Bilsenkraut. Sie ist eine Giftpflanze. Historische Verwendungen — und davon gibt es viele, von der antiken Chirurgie bis zu mittelalterlichen Rezepturen — sind kulturgeschichtlich interessant, aber keine Anleitung. Die Dosisspanne ist eng, die Alkaloidgehalte schwanken je nach Standort und Jahreszeit erheblich.

In Haushalten mit Kindern oder Haustieren gehört sie an einen Platz, an den niemand versehentlich gerät. Das gilt besonders für die gelben Früchte, die harmlos aussehen und angenehm duften.

 

Alraune im Sortiment

Wir führen Alraune-Samen (Mandragora officinarum, herbstblühend) sowie gelegentlich Alraune-Pflanzen. Weitere historische Nachtschattengewächse und Sammlerpflanzen finden sich unter Kräutersamen und Pflanzen.


Dieser Text dient der botanischen und kulturgeschichtlichen Information. Die Alraune ist eine Giftpflanze; historische Verwendungen sind keine Verzehr- oder Anwendungsempfehlung.

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